Sterben für den Zar

Im Folgenden finden Sie Auszüge aus dem Tagebuch eines russischen Soldaten, der mit Stolz und Eifer in den Krieg ziehen wollte. Im Sommer 2024 hat er einen Vertrag für den Kriegsdienst unterzeichnet. Besser als in diesem Tagebuch kann man die gnadenlose Blutrünstigkeit der russischen Invasion, sogar gegen die eigenen Soldaten, kaum dokumentieren.

Tagebuch eines alten Rekruten

Ein Auszug vom 30. August 2024, seinem ersten Tag:

„Ich bin jetzt offiziell Soldat der russischen Armee. Überwältigt von Emotionen. Vor 42 Jahren wurde ich für untauglich erklärt. Bei uns galt man damals als nicht voll, wenn man nicht gedient hat. Ich habe mehrmals versucht einberufen zu werden, wurde jedoch jedes mal abgelehnt. Heute diene ich endlich meinem Vaterland. Ich konnte nicht mehr zusehen, wie meine Kameraden starben. Ich bin Teil der Struktur, die unser Volk schützen soll.“

Zwei Tage später, am 2. September:

„Keiner von uns hat Ausrüstung. Keine Waffen, keine Funkgeräte, keine Schutzwesten. Von einer Ausbildung ganz zu schweigen. Wir sollen in zwei Wochen an die Front.“

Am 11. September wird er Wache in einem Sanitätsbataillon:

„Ich sehe Krüppel. Ich sehe Männer ohne Gesichter, ohne Beine, ohne Arme. Ich sehe offene Wunden, zerschossene Hüften, amputierte Schultern, blind geschossene Augen. Niemand schreit. Jeder schweigt. Sie sind jung.“

Am 18. Oktober meldet sich einer von ihnen zu Wort:

„Ich hatte Glück. Ich habe nur ein Bein verloren. Jetzt muss ich nicht mehr zurück.“

Er ist Schweißer von Beruf, hat sich eine Prothese besorgt. Er kann wieder arbeiten.

Am 14. November kommt der Verfasser in Wowtschansk an:

„Es riecht nach Leichen. In einem Keller liegen acht Tote. Daneben drei Verwundete. Die Soldaten wissen nicht, was sie tun sollen. Keine Anweisungen. Keine Transporte. Keine Medikamente.“

Am 21. November schreibt er:

„Die Soldaten schauen sich keine Nachrichten mehr an. Sie wissen, dass ein russischer ‚Erfolg‘ einen Leichenberg bedeutet.“

Ein Offizier bringt es so auf den Punkt:

„Erfolg wird nicht in Kilometern gemessen, Erfolg wird in Leichen hinter dir gemessen.“

Am 29. November:

„Wir wurden zurück an die Front geschickt. Auch die Verwundeten. Der Transport wurde von einer Drohne gesichtet. Drei Granaten – und alle waren tot. 200 Mann. Die Offiziere fuhren im Jeep hinterher. Sie überlebten.“

Am 10. Dezember:

„Uns wurden die Erkennungsmarken abgenommen. So können die Soldaten später viel schwerer identifiziert werden, und die Offiziere können sagen, dass wir vermisst sind – nicht tot. Dann muss auch keine Prämie für den Tod bezahlt werden.“

Am 11. Dezember:

„Für ein Dorf mit 40 Häusern sind 400 Mann gefallen. Der Kommandeur meinte: ‚Wenn ihr draufgeht – morgen habe ich 200 neue Idioten.‘“

Der Kommandeur hieß Oberst Alexei Ksenofontow. Er wurde später zum Helden Russlands ernannt. Seine Einheit ist verantwortlich für Tausende „vermisste“ Soldaten.

Am 2. Februar 2025 folgt der letzte veröffentlichte Eintrag:

„Mein Bein ist entzündet. Ich kann nicht laufen. Sie sagen, ich soll mit Krücken in den Einsatz. Es gibt keine Alternative.“

Fazit

Das Tagebuch des „alten Rekruten“ erzählt keine Geschichte von Heldentum. Es erzählt von einem System, das seine Männer verheizt und die Überlebenden zu Statisten einer Lüge macht.

Und während in Moskau weiter vom „Sieg“ gesprochen wird, bleiben von den Kämpfern, die ihn errungen haben sollen, nur noch Grabreihen – fünf Meter voneinander entfernt.

Bedauern braucht man diese Leute nicht. Sie haben sich zu bereitwilligen Helfern und Akteuren einer generalstabsmäßig organisierten Mordkampagne gemacht. Sie sind in einem friedlichen Land eingefallen um zu stehlen, rauben, vergewaltigen und zu morden. Mitleid ist wirklich das letzte, was sie verdient haben.

Wenn aber selbst mit den eigenen Soldaten so umgesprungen wird, will man sich nicht vorstellen, welche Unmenschlichkeiten Kriegsgefangene und Zivilisten unter russischer Besatzung erleiden.